Home
Museum der Arbeit / Ausstellungen / Dauerausstellungen / Arbeit im Kontor - Handel mit Übersee

Sie sind hier: Home / Ausstellungen / Dauerausstellungen / Arbeit im Kontor - Handel mit Übersee

Arbeit im Kontor - Handel mit Übersee

Kontor

In der folgenden Abteilung, "Arbeit im Kontor - Handel mit Übersee", trifft man eingangs auf Drucksachen "ganz anderer Art": Jutesäcke, bedruckt mit den Herkunftsländern der Rohstoffe Kautschuk und Kakao. Der Durchblick auf ein historisches Büroensemble und eine dahinterliegende Wand mit Reederei-plakaten lenken die Blicke auf das Thema dieser Abteilung: den Handel Hamburger Kaufleute mit Übersee am Beispiel Kautschuk und Kakao. Das vielzitierte Bild eines Hamburg-Führers von 1861 von den Fäden, die im Handelskontor gesponnen werden, und ihr Netz über den Ozean ziehen, hat diese Ausstellung aufgegriffen und inhaltlich und gestalterisch umgesetzt. Sie betritt damit museales Neuland.

Die durch die räumliche Dichte, Kleinteiligkeit und Farbgebung hervorgerufene Anmutung von Raritätensammlungen in Kabinetten lädt zu dieser musealen Entdeckungsreise ein.

Ausgangspunkt ist die idealtypische Rekonstruktion eines Kaufmannskontors um 1900, ausgestattet mit Elementen des zeitgenössisch verwendeten Wand-schmucks wie Schiffsgemälde, Portrait des Reeders und Kaufmanns Adolf Woermann, Weltkarte und Darstellungen von Börse und Speicherstadt. Die Abstraktheit der Produkte und Werte, die durch des Kaufmanns Hände gingen und in seinem Kontor gefertigt wurden, die Handelspapiere wie Kontrakte, Preislisten, Typenlisten, Versicherungspolicen sind - konservatorisch einwandfrei - in einem hinzugestellten Schubladenschrank zu betrachten. In einem Interview erläutert ein Hamburger Kaufmann ihre Herkunft.

Buchführung

In den "Seitenschiffen" des Fabrikbaus werden diejenigen vorgestellt, die ihm bei seinen Geschäften zur Seite standen - die männlichen und weiblichen Handlungsgehilfen, repräsentiert durch ihre Kleidung und ihre Arbeitsgeräte. Auf der einen Seite der Buchhalter und später die Maschinenbuchhalterin und auf der anderen Seite die Kontoristin und der männliche Handlungsgehilfe, der z.B. als Expedient, Einkäufer, Verkäufer oder Prokurist tätig war. Arbeitsgeräte von Frauen und Männern wie Telefon, Schreibmaschine, Kaffeeservice, Adressiermaschine und Akten für die Kontoristin und Kalkulationstabelle, Handwörterbücher und Fremdsprachen-lexikon für den männlichen Handlungsgehilfen weisen nebenbei, aber durchaus absichtsvoll auf geschlechtsspezifische Zuweisungen von Tätigkeiten und Verantwortungsbereichen hin. Ein in dieser Beziehung aufschlußreiches Bindeglied zwischen beiden bildet z.B. eine Diktiermaschine, "Parlograph" genannt, in die der Handlungsgehilfe hineindiktierte und mit der die Kontoristin das Diktierte abhörte und als Maschinentext schrieb.

Gehrock, Zylinder und Bowler, die Kleidung der Geschäftsleute, die sich täglich in der Börse trafen, leiten über zum Thema "Infrastruktur des Handels". Räumlich bildet dieses Thema die äußere Klammer und den Auftakt für die im Innern dargestellte Überseereise in die Rohstofflieferländer von Kautschuk und Kakao. Mit Schrankkoffer, Tropenanzug, Fahrplan und Gepäckschein beginnt die Reise. Auf der einen Seite geht es um den Rohstoff Kakao und die Länder Ecuador und Kamerun, auf der anderen um Kautschuk und die Länder Brasilien und Malaya.

Für Kakao bildet den Rahmen die Entwicklung vom Luxusgetränk Kakao, das im 18. Jahrhundert adligen Kreisen vorbehalten war, zum Massenkonsumgut Schokolade, - gegenständlich gemacht am sogenannten "Zittertässchen" und einem Schokoladenautomaten der Hamburger Firma Gartmann. Die Rohstoffgeschichte des Kautschuks geht aus von der Darstellung des "begehrlichen Blicks" auf den im letzten Winkel des brasilianischen Regenwaldes gewonnenen Wildkautschuk und erzählt die Geschichte des sogenannten "Samenklaus" der Engländer gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Dieser ermöglichte, den für die Industrie der ersten Welt so bedeutsamen Rohstoff in den südostasiatischen Kolonien auf Plantagen massenhafter und billiger zu gewinnen.

Handel mit Kautschuk

Die für beide Rohstoffe gezeigten Erntewerkzeuge wie Macheten, Kakaopflücker, Kautschukzapfmesser und Sammelbehälter, Erntekörbe, Eimer, Schaufeln und Schieber sowie Kleidung zeugen von der Arbeit der Rohstoffgewinnung und geben ihr inhaltlich und gestalterisch ein eigenes Gewicht. Zusammengetragen wurden diese Geräte aus den letzten 10 bis 40 Jahren direkt in Übersee mit Vermittlung Hamburger Kaufmannsfirmen und mit Unterstützung eines politisch engagierten Lehrers aus Kamerun.

Bemerkenswert ist, daß die Ausstellung unterschiedliche Perspektiven auf das Rohstoffthema eröffnet: Historische Fotos der Basler Mission zur Arbeit auf den Kakaoplantagen und zum Aufbau der Kolonialherrschaft zeugen von dem "missionarischen Blick" evangelischer Geistlicher. Historische Fotos von gefesselten und verhungerten Indianern von dem nur Abenteuerreisenden möglichen Blick auf Lebensumstände südamerikanischer Kautschukzapfer im Regenwald um 1900.

Das Prinzip der Verknüpfung wird auch hier inhaltlich und gestalterisch verfolgt: Objekte und Dokumente aus sehr unterschiedlichen Zusammenhängen sind nebeneinander montiert, überlagern sich, "stören" und regen zu gedanklichen Fäden an. So bildet ein Auszug aus dem Warenlexikon für Gummihändler von 1908 den tapetenartigen Hintergrund für Arbeitsgeräte und historische Fotos und erzählt von der vielfältigen, industriellen Verwertung des Kautschuks: nicht nur von Pfeifenköpfen und Wasserschläuchen, sondern auch von Schießfingerlingen, Brusthütchen, Vorfallbandagen, Ohrenduschen und anderen heute exotisch klingenden Gerätschaften ist hier die Rede.

> Die New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie - Ansätze einer Fabrikgeschichte

© 2012 MdA \ Home \ Kontakt \ Impressum \ Suche \ Druckversion