Gib Gummi!
Kautschukindustrie und Hamburg
18. November 2006 bis 15. April 2007
verlängert bis 17. Juni 2007
Seit 150 Jahren wird in der Region Hamburg Kautschuk verarbeitet zu Weichgummi und zu Hartgummi - in Fabriken, die nach Großwerften mit und von größten Belegschaften lebten. Der im 19. Jahrhundert revolutionäre Werkstoff Gummi hat Naturmaterialien ersetzt, aber auch zu ganz neuen Verwendungen geführt - zum wechselseitigen Nutzen von Wirtschaftszweigen und mit ständig weiteren Innovationsleistungen.
Werkstoff- und Produkt-Faszination ist also eines der Motive zu dieser großen Sonderausstellung. Ein anderes: Das Museum der Arbeit wächst auf dem Gelände einer einst sehr großen Fabrik, der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie (NYH) in Barmbek. Seit der Eröffnung seiner Dauerausstellungen hat das Museum in zehn Jahren die NYH weiter erforschen, häufig besuchen und Gegenwart dokumentieren können. Die große Schwester, die Phoenix AG, auf Weichgummi-Artikel spezialisiert und deshalb keine Konkurrenz für die NYH, hat sich im letzten Jahr ebenfalls unserem Interesse geöffnet. So entstand eine vielfältige Schau - sinnlich erlebbar und mit Einblicken in Fabrikwesen und Menschenleben sowie in "vergessene" Industriestandorte, zu denen auch der Große Grasbrook mit der kommenden HafenCity zählte.
Werkstoff, Menschen und Maschinen
Was ist Gummi? Alle haben Alltagserfahrung mit diesem Stoff - in Haushalt, Beruf, Verkehrsmittel, Freizeit ... Praktisch, aber nicht hochwertig erscheint so der Gummi. Aber früheres Reden vom "Gummiboom" läßt Reichtümer ahnen. Die waren zu gewinnen, seitdem die Entdeckung der Vulkanisation (1839) aus dem jahrhundertelang in Europa mißachteten Werkstoff von "Eingeborenen" insbesondere Südamerikas ein industriell, in Serienfertigung verwendbares Material schuf.
Aus dem "Milchsaft" tropischer Bäume, aus der Latex, muß man Kautschuk erst erzeugen. Im Rohstoff, wie er etwa im Hamburger Hafen ankommt, steckt also Beachtliches an Arbeit, wie in der mühseligen und grausamen Phase des Wildkautschuks, so in der Plantagenwirtschaft. Den Naturkautschuk haben die - nun seit rund hundert Jahren entwickelten - Synthese-Varianten nur gut zur Hälfte verdrängen können. Bei beiden sind die weiteren Verarbeitungsprozesse gleichartig. Menschen besorgen sie heute nicht nur in Steuerung oder Kontrolle modernster Geräte. Körperlicher Einsatz, Sorgfalt und Erfahrung sind weiter vonnöten. Das zeigt die Ausstellung mit Materialproben, Maschinen, Werkzeugen und eigenen Industrie-Reportagefilmen.
Firmengeschichte und Stadtentwicklung
Die NYH produziert derzeit am Standort der Harburger Gummi-Kamm Compagnie (gegr. 1856), der sie einst entsprang und die sie sich 1930 anschloß. Ebenfalls in Harburg, das damals noch zum Königreich Hannover gehörte, war 1856 die spätere Phoenix entstanden. Als Vereinigte Gummiwaaren-Fabriken Harburg-Wien hatte sie 50 Jahre lang Weltgeltung - und auch jetzt als Konzern mit Produktionsstätten im In- und Ausland soviel zu bieten, daß die in Deutschland führende Continental sie sich im dritten Anlauf einverleibte. - Die Ausstellung konzentriert sich auf diese beiden Firmen als bis in die Gegenwart lebendige Beispiele der Entwicklung einer in Hamburg einst starken Branche. Sie bot in einigen Stadtteilen Haupt-Arbeitsplätze und weiteren Industriebetrieben Profit. Mit ihren Produkten trägt sie andauernd bei zur Modernisierung der Stadt.
Auf dem Grasbrook, am heutigen Lohseplatz, hatte "Stockmeyer" mit einer Dampfmaschine im Übergang vom Handwerksbetrieb zur Fabrik Hamburger Geschichte gemacht. Seine Nachfolger als Pioniere mit dem ersten großindustriellen Kunststoff, dem Hartgummi, schrieben sie fort für Deutschland in Europa. Der oft unterschätzte Anteil der Industrie am Wachstum der Hafenstadt wird deutlich, die Generationen überdauernde Leistung der Beschäftigten für den Lebensort Hamburg. Wir zeigen die elastische Seite der Industrialisierung - Technikgeschichte als Sozialgeschichte.
Fabrik in Gesellschaft. Produkte und Werbung
Gummifabriken sind mit ihrem inneren Aufbau und Treiben unbekannt geblieben - nicht nur, damit das "Geheimnis der Mischung" geschützt werde. Neben Besonderheiten - etwa einem geringen Grad an Fließ(band)arbeit und einem lockeren Verbund von Werkstätten - zeigen sie Industrietypisches in ihrer Abhängigkeit von Konjunkturen und politischen Vorgaben.
Die Produktpalette ist - nach zweimaliger Verengung aus Kriegsgründen - weiterhin enorm. Einige Artikel sind Legende geworden oder immer noch da. So wird der Hartgummi-Kamm nur noch in Harburg für weltweiten Vertrieb erzeugt. Schuhe brachten die spätere Phoenix zum Laufen. An sie blieben Erinnerungen wie an die Reifen, zu denen die Firma erst spät, aber dann sehr intensiv fand - wie Werbemittel im Wandel des Zeitgeschmacks zeigen.
Wurden viele Produkte millionenfach hergestellt und bekannt, so gelangen andere gar nicht auf den Markt, sondern an einzelne Auftraggeber: "Wir verkaufen keine Produkte, sondern Problemlösungen". Die zu finden, gelingt noch heute im immer wieder neu, oft mühsam und unter Verlusten, aber selten nach Arbeitskämpfen erreichten Zusammenwirken. Dabei haben die Unternehmen ihre Strukturen und Verhaltensformen von Familienfirmen zum Mittelstandsbetrieb als AG oder zu weltweit agierenden Konzernen spürbar verändert.
Zur Ausstellung ist in der Edition Temmen ein gleichnamiges Buch des Museums der Arbeit erschienen, mit 200 Abbildungen und einer Einleitung des Projektleiters. (14,90 €).
Ein Dank für Förderung an:
ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius; Arbeitgeberverband der Deutschen Kautschukindustrie (ADK) e. V.; IG Bergbau, Chemie, Energie; manufactum; Nordmann, Rassmann GmbH (NRC); Volksfürsorge Versicherungen; Eisenbahnbauverein Harburg e. G.; Foto Kleinhempel; Freunde des Museums der Arbeit e. V.; an die NYH und die Phoenix AG sowie weitere Firmen und Einrichtungen, insbesondere an das Helms-Museum in Harburg (Abt. Stadtgeschichte), sowie private Informanten, Leihgeber und Schenker.
