Selbstbehauptung und Utopie.
Jüdische Arbeiterbewegung, Rosa Luxemburg und Hamburg
6. Mai bis 26. Juli 1998
Das Museum der Arbeit hat mit besonderem Interesse am Zusammenhang von Selbstbehauptung, Solidarität und Utopie zwei Wanderausstellungen in Spannung vereint und um einen Blick auf Hamburg erweitert: "Arbeiter und Revolutionäre. Die jüdische Arbeiterbewegung" aus dem Diaspora-Museum Tel Aviv und "Rosa Luxemburg 1871-1919. Ein Leben für die sozialistische Idee" von Maxi Besold und dem Archiv der Münchener Arbeiterbewegung e. V..
"Arbeiter und Revolutionäre" zeigt die Entwicklung vor allem eigenständig jüdischer Arbeiterbewegung, fern der großen Fabriken, eher aus der Proletarisierung in Klein- und Mittelbetrieben, von Osteuropa über England bis in die USA und nach Palästina.
Rosa Luxemburg, die "Jüdin aus Polen", hat sich von jüdischer Arbeiterbewegung distanziert gehalten und ihren Kampf in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung geführt. Aber beide nehmen aufeinander Bezug.
Die Ausstellung "Arbeiter und Revolutionäre" kommt von der Arbeitswelt und der Organisationsgeschichte - in dieser Ausprägung für Juden hier weithin unbekannt. Sie soll dazu beitragen, Stereotypen der Betrachtung von jüdischem Leben und Handeln zu überwinden, sie eröffnet die Sicht auf "produktive Arbeit" und vielfältig organisierte, auch wehrhafte Selbsthilfe. Es lohnt, den Blick zu weiten: Im Mai 1998 feiert man 50 Jahre Israel, einen Staat, der sozialistischem Denken und Handeln viel zu verdanken hat.
Mit Rosa Luxemburg berichten wir von einem einzelnen und besonderen Menschen, der von verschiedenen Seiten kritisiert und beansprucht wird. Diese Ausstellung soll informieren über den außergewöhnlichen Lebensweg in politischer Arbeit und über Beziehungen zu einzelnen Personen: 'Politikerin und Mensch'.
Der dritte Blick gilt Aktivitäten in der Hansestadt. Hier erinnern wir mit biographischen Beispielen an leicht Vergessenes: an jüdischen Sozialismus und an jüdische Mitstreiter in der Hamburger Arbeiterbewegung. Beziehungen zwischen Rosa Luxemburg und Hamburg sind vor allem dank der Politischen Polizei vorzustellen.
Die gleichzeitige Präsentation der Ausstellungen mit so unterschiedlichen Themen und Ansätzen wird anregen zu neuer Diskussion über grundlegende Fragen gesellschaftlicher Entwicklung in der Sicht teils klüger Gewordener.
Dazu bietet das Museum der Arbeit ein vielseitiges Begleitprogramm von Vorträgen, Lesungen, Musik und Podium. Etliche Veranstaltungen wurden möglich dank Zusammenarbeit mit Anderen in Hamburg und Förderung von außerhalb. Über den Museumsdienst Hamburg sind Museumsgespräche für Schulklassen und Gruppen zu vereinbaren.
Der Museumsladen bietet einschlägige Literatur, auch das Buch zur israelischen Ausstellung, vom Museum der Arbeit erstmals deutsch herausgegeben:
Arbeiter und Revolutionäre. Die jüdische Arbeiterbewegung, Hamburg 1998.
Die Jüdische Arbeiterbewegung in der Sicht der Ausstellung aus Israel
Die Ausstellung "Arbeiter und Revolutionäre" erzählt die Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung in Europa und den Vereinigten Staaten und lädt den Besucher zu einer Reise in eine Vergangenheit ein, als die Ideen des Sozialismus sich auszubreiten begannen.
Am Beginn der jüdischen Arbeiterbewegung im späten 19. Jahrhundert standen jüdische Intellektuelle und Revolutionäre, die als Zeugen des Elends des jüdischen Proletariats die Notwendigkeit eigener politischer Organisationen und Gewerkschaften erkannten. Ihr frühes Engagement führte zur Verwirklichung eines jüdischen Sozialismus, der die internationale sozialistische Vision mit der Sehnsucht nach nationaler Selbstbestimmung verband. Die Samen dieser radikalen Ideen wurden durch die zahlreichen jüdischen Immigranten, die sich in Westeuropa und den USA niederließen, rasch verbreitet. Am Ziel der Auswanderung angekommen, waren diese gezwungen, ihren Lebensunterhalt als Industrie- und Textilarbeiter zu verdienen. Nach und nach gründeten sie auch hier ihre eigenen Gewerkschaften und sozialistischen Zirkel.
Die Ausstellung präsentiert drei Aspekte der jüdischen Arbeiterbewegung in Rußland, Polen, Großbritannien und den Vereinigten Staaten: die Arbeiterklasse, die Gewerkschaften und die sozialistischen Parteien. Diese drei Komponenten werden in der Ausstellung durch graphische Symbole auf den Texttafeln repräsentiert.
Der Beginn des Zweiten Weltkrieges beendete die jüdische Arbeiterbewegung in Polen. Die meisten ihrer Mitglieder spielten eine aktive Rolle in den Selbstverwaltungsorganen der Ghettos und wurden Partisanen. In den USA schwächte die immer geringer werdende Zahl der jüdischen Arbeiter die Bewegung, was zu einer Verlagerung der Zielsetzungen führte. In der Nachkriegszeit verschob sich daher die Perspektive des sozialistischen Zionismus von der Diaspora nach Palästina, und schließlich zum Staat Israel.
Zusatz in Hamburg: Das Veranstaltungsprogramm im Museum der Arbeit wird auch die Betrachtung vertiefen, die dem "Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund (Bund)" gebührt, der wie der Zionistische Zusammenschluß 1997 auf seine Gründung vor 100 Jahren zurückblicken konnte.
Jüdische Mitstreiter in der Hamburger Arbeiterbewegung
Im Unterschied zu Ost-Europa, wo Handwerker-Proletarier einen Großteil der jüdischen Bevölkerung bildeten, gab es in Mittel-Europa im ausgehenden 19. Jahrhundert eine deutlich andere Sozialschichtung unter den Juden. Sie standen weit überwiegend in Handelsberufen und hatten einen hohen Anteil an Selbständigen.
Nur ein sehr kleiner Teil der Juden engagierte sich im öffentlichen politischen Leben. Es ging dabei um die Rechte der Minderheit ebenso wie um allgemeine demokratische Rechte. Unter dem Eindruck der antisemitischen Wellen verschob sich das Engagement von national-liberalen über linksdemokratische zu sozialistischen Positionen.
Die an der Arbeiterbewegung beteiligten Juden hatten das Motiv, für eine demokratische Ordnung einzutreten, in der soziale und ethnische Diskriminierung endgültig verbannt sein sollten.
Herkunft und Lebensweg der hier für Hamburg ausgewählten Personen sind sehr unterschiedlich. Sie rekrutieren sich aus Handwerkern, kaufmännischen Angestellten, Juristen und Journalisten. Soweit sie im 19. Jahrhundert geboren waren, wurden sie Sozialdemokraten, wirkten leitend mit an Gewerkschaften, Genossenschaften, Parteiorganisationen und deren Presse.
Für diejenigen, deren Berufsweg erst nach 1918 einsetzte, bestanden veränderte Bedingungen: einerseits uneingeschränkte Rechte, andererseits Unsicherheit durch politisch mächtigen Antisemitismus. Für junge Juden wurde das Ziel eines eigenen Staates in Palästina attraktiv; sozialistisch-genossenschaftlich sollte er sein, um neue ethnische und soziale Diskrimierungen zu vermeiden.
