Barbiecue
Fotoarbeiten von Valérie Wagner
2. Oktober 2001 bis 17. Februar 2002
verlängert bis 18. April 2002
im KUNSTRAUM des Museums der Arbeit
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht Barbie: Synonym für das wohl umstrittenste und zugleich heißgeliebteste Frauenideal der Moderne.
Für den KUNSTRAUM entwickelte die Hamburger Fotokünstlerin Valérie Wagner die Installation "Spielraum": Fotografien einer Barbie-Figur sind in Körpersektionen unterteilt und auf transparenten Tafeln hintereinander gehängt. Beim Betrachten kann man sich zwischen die Tafeln begeben, Barbies Körperfragmente inspizieren. Die Transparenz der Fotos macht es möglich, sich beim Betrachten eigene Bilder zu machen, die Barbie-Fragmente wie beim Puzzle zu einem neuen Bild zusammenzusetzen.
Spielräume in mehrfacher Hinsicht erschließen sich mit diesem neuartigen Zugriff auf das Barbie-Bild: Die Einladung zur Re-Vision eines Idols und stereotyper Körper- und Schönheitsideale schließt das Angebot mit ein, individuelle Bilder zu kreieren. Die dreidimensionale Installation wird auch zum Spielraum für Deutung und Umdeutung: quasi hautnah werden beim Durchschreiten der Installation Körper als individuelle und gesellschaftliche Konstrukte sinnlich erfahrbar. Dabei eröffnen sich auch Blicke auf ungewohnte Inszenierungen weiblicher Körper und von Weiblichkeit.
Bewegung und Standortveränderung beim Betrachten sind ebenso Teil der Installation wie die Elemente des Dazwischen, der Überlagerung, der Überschneidung.
Neben der zentralen Fotoinstallation "Spielraum" sind weitere Arbeiten der Fotokünstlerin ausgestellt. Hier wird mit und an Barbie gearbeitet: Ihre Körperformen werden verformt. Die Puppe wird in Umgebungen und Beziehungen gebracht, die zur Welt der Ikone nicht wirklich zu passen scheinen: Barbie mit Baby, inmitten von Hauhaltsgeräten, auf dem Arm eines "väterlichen" Gartenzwergs, im Geschlechterkampf. Vielschichtige Assoziationen zu Körperbildern aus der Wunsch- und Warenwelt, zu Idealbildern von Weiblichkeit und Schönheit eröffnen sich. Mit den Mitteln der Verformung und des Arrangierens kreiert Valérie Wagner Neuschöpfungen: andere Weiblichkeitsentwürfe, Gegenbilder. So arrangiert sie beispielsweise in ihrer Fotoarbeit "Ungleiche Schwestern" eine Begegnung der "unbearbeiteten" Puppe und der mittels einer Wachsmaske verwandelten Barbie, wie Geschöpfe der "Idolwelt" und der "wirklichen Welt" treten hier die ungleichen Schwestern auf.
Das Thema Barbie - Körpernormen - Weiblichkeitsbilder wird mit den Mitteln von Deformation, Fragmentierung, Verwandlung und Neugestaltung variiert, ein Bild-Entstehungsprozeß, der mehrere Etappen durchläuft: Die Puppe wird mit Wachs überarbeitet oder in einem Arrangement in Szene gesetzt. Anschließend wird fotografiert, wobei die Bildszene durch Lichtführung weitere Modulation erhält. Plastisches Arbeiten, Szenen-Arrangement und Fotografie gehen hier eine Verbindung ein. Während ihres Studiums der Bildhauerei und Fotografie in London hatte die Künstlerin Gelegenheit gehabt, am Theater mit den künstlerischen Mitteln von Inszenierung und Lichtführung zu arbeiten. Aus der Verbindung von dreidimensionalen Arbeiten und Fotografie entwickelte sie so ihre Gestaltungsmethode der inszenierten Fotografie und der Fotoinstallation.
Die Bildsprache der Metamorphose ist eine Einladung an die Phantasie der Betrachtenden, vorgegebene Körperbilder im ungewohnten Kontext neu zu lesen, sich ins Spiel der Umdeutungen einzulassen.
Der Ausstellungstitel "Barbiecue" treibt ebenfalls ein Spiel ironischer Mehrdeutigkeit: Es kann das Grillfest, bei dem ganze oder zerlegte Tiere gebraten werden, ebenso assoziiert werden wie die Wortkombination "Stichwort Barbie".
Valérie Wagners Arbeiten stehen im Zusammenhang einer Kunstrichtung der Moderne, die sich ästhetisch auseinandersetzt mit der gesellschaftlichen Rollenzuweisung der Geschlechter. Und hier vor allem mit der Repräsentation von Weiblichkeit: "Frau als Bild-Sein, als Projektionsfläche".
Barbiecue wird ausgestellt im Rahmen der Abteilung "Frauen und Männer - Arbeits- und Bilderwelten", einer Abteilung, die erstmals in der bundesdeutschen Museumslandschaft die spezifische Arbeitsteilung sowie die Rollen und zeittypischen Bilder von Männern und Frauen visualisert. Neuartig an dieser Dauerausstellung ist die "Prise KUNST": an verschiedenen Stellen werden hier Kunstwerke zeitgenössischer Künstlerinnen präsentiert, die unser zentrales Thema "Arbeit und Geschlechterrollen" variieren - gewissermaßen als "ästhetische Stolpersteine". Der in der Abteilung integrierte KUNSTRAUM bietet in turnusmäßigem Wechsel Ausstellungen mit Installationen und Performances - ein Versuch, mit frischen Bezügen und neuen Sichtweisen die Dauerausstellung zu aktualisieren. Fünf Künstlerinnen haben bislang Installationen für den KUNSTRAUM entwickelt.
