"gehört: neun leben"
Objekte von Katrin Regelski
21. November 2003 bis 18. April 2004
im KUNSTRAUM des Museums der Arbeit
Erinnerungsarbeit der Kunst und die des Museums gehen in dieser Ausstellung eine spannungsreiche Allianz ein.
Vor vier Jahren begann Katrin Regelski ihre künstlerische Gedächtnisarbeit "gehört: neun leben".
Sie sammelte Lebensläufe einer Generation, die zwischen den Kriegen aufwuchs - unspektakuläre Geschichten zwischen Alltagsroutine und Altersweisheit. Den sprachlichen Bildern, den Metaphern in den Erzählungen der alten Menschen galt ihr Interesse.
Da gibt es das Leitthema KINDHEIT mit unbekümmertem Reifenspiel auf autofreier Straße, das Thema LIEBE, wie der Tanz im "Ball der einsamen Herzen", das Thema ANGST und TOD, wie Bunkernächte oder Kohlenklau, das Thema LEBENSENTWURF wie Kinderkriegen und Karriere. Auch Erinnerungen an Gerüche, Geräusche und Berührung. Geschichten als Quintessenz, als Bilanz - erfüllte oder zerplatzte Träume, Gefühle von Zufriedenheit oder Wehmut.
Die Lebensberichte dienen der Objektkünstlerin als Erinnerungs-Steinbruch. Sie schöpft daraus Inspiration für eigene Bildmetaphern. Assoziationsobjekte baut sie daraus, die den Erinnerungen einen Körper verleihen. Es sind Assemblagen mit Fundstücken vom Dachboden oder Wegesrand. In die Objektcollagen eingebettet sind die textuellen Impulsgeber: die Worte oder Sätze wie "Wir hatten die Strasse" oder "Wir waren zu zweit. Die andere A bis L, und ich M bis Z".
Hier in der Ausstellung sieht man z.B. den Liebesschrank mit Guck- und Hörlöchern, oder das Kästchen mit dem ungeöffneten Feldpostpaket unter vierhundert Vergissmeinnicht-Blüten, oder die zu Glückstrommel bzw. Hamsterrad mutierte Lebensleiter, oder eine überdimensionierte Tür mit Notaten, wie sich die Erinnerung an Vater und Mutter anfühlt.
"Bitte behutsam berühren" - das gilt für etliche der 27 Exponate. Hier darf man Kurbeln drehen, Knöpfe drücken, durch Gucklöcher blinzen, das Ohr anlegen. Das läßt an eine Erinnerungstheorie des berühmten Hamburger Kunsthistorikers Aby Warburg denken: Durch direkte Berührung werden verborgene Erinnerungen freigesetzt mittels der "mnemischen Energie" - Hinweis auf die Kraft der Göttin Mnemosyne, der griechischen Göttin der Erinnerung und Mutter der Musen, der Göttinnen der Künste und Wissenschaften.
Sammeln, Speichern, Archivieren - sie haben Konjunktur in der Gegenwartskultur, in Theater, Literatur und in der Bildenden Kunst. Das aktuelle Interesse an den Speicherformen des natürlichen und künstlichen Gedächtnisses ist groß. Seit den 1960er Jahren finden sich verstärkt künstlerische Strategien des Sammelns, Selektierens und symbolischen Ordnens, des Spurensuchens und -sicherns.
Dem Museum als Ort kultureller und sozialer Gedächtnisse kommt eine zentrale Rolle als Erinnerungsspeicher zu. Kulturhistorische Museen wie das Museum der Arbeit sammeln neben den Artefakten auch Geschichten: als Texte und als Oral History, als erzählte Geschichte. Aus der Vielstimmigkeit individueller Lebensgeschichten kristallisieren sich im Museum kollektive Gedächtnisse, kulturell umgeformt zu "Erinnerungsfiguren", zu "Zeitinseln" im kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft.
Die Ausstellung "gehört: neun leben. Objekte von Katrin Regelski" findet in der Abteilung "Frauen und Männer - Arbeitswelten, Bilderwelten" im dortigen KUNSTRAUM statt.
Sozialhistorische Befunde aus Arbeits- und Lebenswelten treten mit den Kunstobjekten in einen Dialog, wie eine zweite Stimme gleichsam.
Kunstobjekte als "ästhetische Stolpersteine" in einem sozialgeschichtlichen Museum - das ist ein Experiment im KUNSTRAUM des Museums seit 6 Jahren: Ausstellungen mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern gastieren hier in der Dauerausstellung zum Leitthema "Arbeit und Geschlechterfragen". Die Nummer NEUN in dieser Reihe ist Katrin Regelskis "gehört: neun leben."
