Home
Museum der Arbeit / Ausstellungen / Svato Zapletal

Sie sind hier: Home / Ausstellungen / Sonderausstellungen / Svato Zapletal

Svato Zapletal:
Die Kunst der Blauen Stunde -
Vom Entstehen schöner Bücher

Ein schönes Buch...

...entsteht im Museum

Im Sommer 1997 wurde im Museum der Arbeit ein Buch in einer Drucktechnik hergestellt, die mehr als fünfhundert Jahre das graphische Gewerbe beherrschte und die heute, von wenigen künstlerischen Werkstätten abgesehen, nur noch im Museum besichtigt werden kann: dem Buchdruck mit Bleilettern.

Grafiken

Der Buch-Künstler und Kleinst-Verleger Svato Zapletal verwirklichte dabei sein jüngstes Projekt, eine Auswahl aus den Carmina Burana mit eigenen Graphiken.

Bereits 1987 regte die Wirtschaftsbehörde der Stadt Hamburg an, die Buchdruckabteilung des Museums zu nutzen, um Buchkünstler bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Im Rahmen dieses Projekts konzipierte und gestaltete S. Zapletal den Band mit Lyrik von Jacques Prévert Blutorange, der im Museum gesetzt, gedruckt und schließlich gebunden wurde. Dieser Band gehört zu den von der Stiftung Buchkunst belobigten Büchern des Svato Verlags.

Zehn Jahre später entstand in den Schauwerkstätten des jetzt eröffneten Museums der Arbeit das neue Buch von Svato Zapletal.

Die Carmina Burana

Die bedeutendste Sammlung von Dichtung in zumeist spätlateinischer und mittelhochdeutscher Sprache wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts in dem oberbayerischen Kloster Benediktbeuren (wieder-)entdeckt und nach ihrem Fundort Lieder aus Beuren (Carmina Burana) genannt.

Linolschnitte

Schon damals faszinierte diese Liedsammlung, die neben Lebenslust und Weltbezogenheit auch den geistigen Austausch der fahrenden Scholaren innerhalb des mitteleuropäischen Kulturraumes dokumentiert. Weltberühmt wurden die Carmina in unserem Jahrhundert durch die Orffsche Vertonung (1935).

Svato Zapletal hat von den über 250 Liedern des Codex vor allem Frühlings- und Liebeslieder ausgewählt. Daneben gibt es ein Kapitel mit Vagantenliedern und einige Klagelieder - wie den Nachgesang auf die armen Dichter, mit dem Zapletal seinen Reigen schließen läßt.

Die Herstellung im Buchdruck

Eröffnet wird das Buch mit einer Graphik, die das Lied vom Schicksalrad "O Fortuna, velut luna" andeutet.

Drucker

Zu Beginn fertigte Svato Zapletal Skizzen, die er dann spiegelverkehrt auf Linoleum übertrug. Alle Graphiken des Zyklus wurden aus diesem weichen, auf Leinöl basierenden Material geschnitten, das flächiges Arbeiten genauso zuläßt wie das akkurate Aushebeln zarter Linien.

Für jede der bis zu zwölf Farben einer Buchillustration mußte eine Druckplatte angefertigt und zunächst probeweise angedruckt werden, denn jede Druckfarbe verändert auf dem Papier noch leicht ihr Aussehen. Bis zu dem harmonischen Bild, das der Leser sieht, sind einige Versuche notwendig gewesen, um die richtigen Farbstufen zu finden.

Helle Farben wie Rot, Orange, Rosa oder kräftiges Blau leuchten jetzt auf der weißen Fläche des Papiers und heben sich gegen die schwarzen und grauen Kontrapunkte der Schatten, Figuren, Leisten und Schrift ab.

S. Zapletal hat die Welt- und Sinnenfreude der mittelalterlichen Dichtung in leuchtende, klare Bilder übersetzt. Die melancholische Färbung, die in manchen Liedern mitschwingt, kommt in den weichen Gesten der Figuren zum Ausdruck. Spannung entsteht aus der Verbindung von starkfarbigen Flächen und zarten Linien oder Arabesken.

Für den Text hat Zapletal aus den Beständen des Museums zwei unterschiedliche Schrifttypen genutzt: Für die lateinischen Verse wählte er die Garamond, eine der ältesten Antiqua-Schriften mit sogenannten Serifen, kleinen Ansatz- und Begrenzungsstrichen an den Buchstaben. Für die Übertragung ins Deutsche nahm er dagegen die Futura, eine moderne, in den zwanziger Jahren entwickelte serifenlose Schrift.

Die ausgewählten Liedtexte wurden von Mitarbeitern des Museums auf Linotype-Setzmaschinen gesetzt, das heißt als Bleizeilen gegossen. Mit dem fertigen Andruck konnte dann der Satzspiegel, die Aufteilung der Buchseiten, festgelegt werden.

Buchrücken

Nach Korrektur und Umbruch wurden Texte und Bilder schließlich auf einem Heidelberger Zylinder, einer Schnellpresse des Museums, gedruckt.

Zuletzt wurden die fertigen Bögen in einer kleinen privaten Buchbinderei in Prag in Fadenheftung zusammengefügt und in Leinen oder Leder eingebunden.

Als Einbandfarbe wurde ein helles Orange-Rot festgelegt, eine Farbe, die zu den "Lieblingsfarben" des Mittelalters gehört.

Die ineinandergreifenden Schritte des Herstellungsprozesses zeigen, daß das spätere Objekt Buch bis ins Detail geplant werden muß. Zu einem Künstlerbuch gehört aber auch die Offenheit für Ungeplantes - das Ergebnis ist ein so nicht wiederholbares und damit unverwechselbares Werk.

Svato Zapletal

  • 1946 in Prag geboren

  • Nach dem Abitur Arbeit als Maschinenbautechniker, Gelegenheitsarbeiter und im Zirkus

  • 1969 verließ er die Tschecheslowakei und siedelte in die Bundesrepublik Deutschland über

  • Ab 1971 Studium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Hans Thiemann, Gerhard Rühm und Richard von Sichowsky

  • 1977 noch vor Abschluß des Studiums gründete er - damals mit zwei Freunden - den Svato-Verlag.

  • Svato Zapletal lebt und arbeitet heute in Hamburg und Prag.

  • Er hat verschiedene Auszeichnungen der Stiftung Buchkunst und 1991 einen Preis für Kleinst-Verleger von der Kulturbehörde Hamburg erhalten.

Der Svato Verlag

Das Progamm des Verlages ist international ausgerichtet, widmet sich aber überwiegend deutschsprachigen Schriftstellern.

Der Schwerpunkt liegt bei den Expressionisten, wie zum Beispiel Georg Trakl, Gottfried Benn oder Klabund. Auch Die Kunst der Blauen Stunde bezieht sich auf eine Auswahl von Gedichten Gottfried Benns unter dem Titel Blaue Stunde und betont damit die Nähe zu der in jedem künstlerischen Bereich kreativen Phase des Expressionismus.

Daneben finden sich im Programm zeitgenössische Autoren, aber auch Klassiker wie Goethe und Baudelaire wurden durch die eigenwillige Buchkonzeption des gebürtigen Tschechen neu interpretiert.

Text: Doreen Gliemann, Dr. Jürgen Bönig
Fotos: Karin Plessing (Hamburg) , Petr Hornik (Prag)

© 2010 MdA \ Home \ Kontakt \ Impressum \ Suche \ Druckversion